Moppedzeitschriften und ich

Erst fange ich diesen Blogartikel an, und dann kommt Clemens auf Google+ mit den IVW Zahlen um die Ecke

Hier also kurz mein Leben mit Moppedzeitschriften.

Oscar - Quelle PinterestGanz früher, als ich so gerade an die Pedale meines 24 Zoll Rennrads kam, da habe ich jede Mopped-Zeitschrift gekauft und gelesen, die ich an der Bude um die Ecke bekommen konnte. Das waren zwei: die Motorrad und die Easy Rider (nicht zu verwechseln mit der Harley Fan-Zeitschrift aus den USA, die es später auch hier und auf deutsch gab oder gibt). Heute gibt es an der Bude keine Moppedzeitschriften mehr. Und dann wurde ich älter und hatte mehr Taschengeld, da konnte ich dann noch andere Zeitschriften kaufen, die PS und die MO, die es inzwischen gab.

Die verrückten Briten

Und noch später dann, wurde der Zeitschriftenladen am Bahnhof mein Freund, denn der hatte englische Zeitschriften. Die waren zwar verdammt teuer, aber trafen meinen Geschmack viel deutlicher, denn da wurden Moppeds erlebt und und nicht seziert. Die Schreiber hatten eine große Klappe und gnadenlose Selbstüberschätzung, es gab immer mindestens einen Crash, ein Wheelie, ein Stoppie und eine Flucht vor der Polizei und oder dem örtlichen Verbrecher-Kartell und böse Sprüche.

Oscar Quelle Pinterest

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Eine meiner Lieblingsgeschichten war ein Vergleichstest zwischen einer Hayabusa und einer ZX-12R. Damit die Testkriterien für den Leser auch nachvollziehbar waren, wurden sie einfach gewählt. Beide Moppeds fahren zusammen in England vom Redaktionsparkplatz los bis nach Nizza und wieder zurück, wer zuerst ankommt, hat den Test gewonnen. In England und Frankreich gab es auch damals ein Tempolimit, aber wer sich daran hielt hatte eben keine Chance auf den Testsieg. Am Ende hat die Kawa gewonnen, denn die hat die defekte Busa ins Ziel geschleppt, war also vorne. Ein solcher Test hätte und wird es wohl auch nie aus deutschen Redaktionen geben. Die Redaktionen werden das nicht wollen und die Leserbriefschreiber würden bei Erscheinen eines solchen Tests gar nicht mehr mit dem kündigen nicht vorhandener Abos aufhören könne, wenn sich nicht vom tot geschüttelten Oberlehrer-Zeigefinger daran gehindert werden.
Bonus-Fact des Test: die ZX-R verbraucht fast 12 Liter auf 100 km wenn sie eine Busa mit 240 (schneller ging nicht, die Kawa hat halt nur 178 PS und die Busa ich schwer) abschleppt.

Außerdem habe ich noch Zeitschriften über Classic Racer, Grey Imports und die AWoL gelesen. Letztere war ein Custom-Magazin von einer Anarchistischen Redaktions-Kommune. Zu der Zeit verstand man in Deutschland unter einem Custom-Bike eine Harley mit angeschraubten oder getauschten Anbauteilen. In England wurden Starrrahmen mit Turbo-Vierzylinder, Trikes mit Automotoren, dieselgetriebene Gespanne und alles dazwischen und drumherum darunter verstanden.

Ich habe zwischendurch auch immer wieder deutsches probiert, Sonderausgaben, Moped, motorradfahrer, motorrad News, Oldtimer Motorrad, Custombike usw. Aber irgendwie war das alles zu steril abgepackt und nachgemessen.

Jetzt ist der Griesgram alt

Oscar - Quelle PinterestHeute bin ich älter, viele der englischen Zeitschriften gibt’s nicht mehr oder nicht mehr am Bahnhof. Ich muss auch nicht zum tausendundfünfundreißigsten mal lesen, wie ein Testfahrer einen Supersportler weggeworfen hat, oder dass das neue Baujahr besser als das alte ist oder wie jemand im Winter zum Elefantentreffen gefahren ist oder irgendein pensionierten Werkzeugmacher eine original Schwingsattelschraube in 35 Arbeitsstunden wieder in Originalzustand versetzt hat oder oder oder, egal ob auf deutsch oder englisch.

Ich war am Wochenende wieder mal an einem Bahnhof und dort in einem Buchhandel mit einer ordentlichen Auswahl an deutschen Titeln und ich hatte Zeit zum stöbern. Ich habe mir keine gekauft. Es gab keine Zeitschrift, die mehr als zwei Artikel hatte, die ich lesen wollte. Das mag in anderen Monaten ganz anders sein. Und die Artikel, in die ich hineingelesen hatte, fand ich langweilig geschrieben, irgendwo zwischen PR-Meldung und Textbausteine aus dem Ich-weiß-nicht-was-ich-schreiben-soll Baukasten. Hmpf.
Die Zeitschrift, mit den zwei Interessanten Artikeln habe ich auch nicht gekauft. Der eine Artikel “Rally für Einsteiger” über 4 Seiten kam ohne das Thema Roadbook aus (jedenfalls gab es kein Bild und keine Zwischenüberschrift) und war damit für mich nicht interessant und der Bericht über die Enfield Himalayan war 2 Seiten Fotos mit dem Mopped im eigenen Garten und geschätzte 300 Worte (dieser Text hat über 650) in 14 Punkt Schrift. Das war mir zu dürftig für einen Kauf.

Und jetzt stehe ich hier vor meinem Schreibtisch und frage mich, was müsste in einer Moppedzeitschrift stehen, damit ich sie kaufe?

Zum Glück bin ich Leser und muss diese Frage nicht beantworten. Wenn ich mir die IVW Zahlen (siehe Link oben) so ansehe, sollten die Redaktionen diese Frage ziemlich bald beantworten können, wenn sie weiterhin ihre Zeitschrift machen wollen.

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8 Gedanken zu „Moppedzeitschriften und ich

  1. Toller Artikel – wie schon auf Twitter erwähnt – der sehr, sehr viel meine eigenen „Print-Laufbahn“ widerspiegelt. Wenn ich bedenke, wie viele Kilo (oder eher Tonnen) an Altpapier ich in meinem Leben entsorgt habe, wird mein ökologischer Fingerabdruck auf dieser blauen Kugel – trotz ansonsten wirklich sparsamer Lebensweise – wohl doch nicht grün sein.
    Über Jahre hinweg habe ich in den Bereichen / Themen, die mich interessiert oder beruflich beschäftig haben, entsprechende Magazine abonniert. Sei es „privat“ diverse Motorrad-Magazine (bis zuletzt dann – dem Alter geschuldet – den Tourenfahrer, aus dem ich auch tatsächlich damals alle Tourentips ausgeschnitten und wieder fein säuberlich in Klarsichthüllen und Ordner nach Ländern / Regionen sortiert hatte) oder diverse Fachmagazine wie W&V, Horizont, Page, Macwelt, MacUp usw., usw…
    Bis sich irgendwann am „Aufräumtag“ – meist nur 1x im Jahr – wirklich die Dinger stellenweise komplett ungelesen und noch in der Zellophan-Schutzhülle befindlich zu Türmen gestapelt hatten und dann ungelesen in die blaue Tonne wanderten.
    Ich war nicht „unbelesener“ – aber ich hatte die Informations-Fragmente, die mich in den Magazinen interessiert haben – vorher / anderweitig über das Netz inhaliert. Input, Input, Input – wie Nr. 5 schon sagte – nur das der bei mir einfach zu 95% nur noch aus dem Internet stammt.
    Ich plädiere ja selber immer wieder für Print, sehe als Fotograf auch etwas die Felle wegschwimmen mit jedem Print-Titel der ausstirbt. Aber mit unseren (stark) veränderten Medien-Nutzungs-Gewohnheiten, mit der stetig steigenden Zeitnot oder „alles muss sofort verfügbar sein“ Mentalität haben auch viele Titel, die früher „News“ in gedruckter Form brachten, ihren eigenen Zenit überschritten, denke ich.
    Modell-Neuigkeiten, aktuelles aus dem Sport uvm. sind quasi in Echtzeit und für jedermann im Netz verfügbar. Also bliebe eigentlich auch für Magazine nur „Entschleunigung“. Lange Strecken mit tollen Texten & Bildern zu Themen, die für das schnelle Medium eher ungeeignet sind.
    Aber das ist dann auch nur eine Nische – und mit einer Nische können nicht ganze Verlagshäuser mit hunderten oder gar tausenden von Angestellten überleben.
    Ich möchte aber selber heute nicht mehr „Papier“ verschwenden, wenn ich es irgendwie vermeiden kann (weniger wegen „Öko“ – ich finde es einfach unsinnig). Magazine wie eine Craftrad oder Fuel sprechen mich optisch wenigstens noch an, sind auch den Möglichkeiten vieler „normaler“ Webseiten überlegen (außer man würden den Trend zu immer mehr „mobile“ bewusst umkehren und z.B. ein Online-Magazin nur für 4k oder 5k Bildschirme publizieren – das wäre eine Qualität… *sabbel), allerdings kann ich mit den Inhalten der „Hipster“-Magazine nix anfangen.
    Ich bin aber auch ein sehr, sehr „optischer“ Mensch. Geile Bilder, gutes Design (clean, mit Weißraum) und Top-Typografie sprechen mich an – ohne das ich dabei den Text unbedingt lesen muss. Da geht es wirklich nur um das visuelle Erlebnis…
    Schauen wir mal, wohin die (digitale) Zukunft uns noch führt. Ich könnte mir ja auch einen Retina-OLED-Falt-Roll-Reader in echter Zeitungsgröße als „Medium“ der Zukunft vorstellen. Fett und wie früher mit ausgestreckten Armen vor dem Kopf zu lesen, aber eben „digital“ und wie z.B. bei Flipboeard mit einem selbst erwählten und schön gestalteten Design versehen…
    Keep on blogging!

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    • Die Sport News, die teilweise Monate nach dem Rennen erscheinen, hatte ich gar nicht erwähnt, die sind eine echte Lachnummer. Dabei gäbe es soviel Hintergrund der berichtet werden könnte, statt ausformulierter Ergebnis-Übersichten.

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      • Da kann ich ja – zumindest für den Moped-Bereich – ein wenig aus dem „Nähkästchen“ plaudern… Solche Hintergrund-Stories, schön und umfangreich recherchiert, ggf. über einen längeren Zeitraum auch in tollen Bildern festgehalten usw., kann (oder will) keiner mehr bezahlen!
        Gerade im Motorsport -> Nische Motorrad-Rennsport (und da ist die weitere Nische dann fast egal) sind „Budgets“ eigentlich gar nicht mehr vorhanden.
        Man muss aber – für solche Berichte – wirklich selber vor Ort / dabei sein, muss Zeit, Geld und viel Herzblut investieren, um am Ende dann eine / zwei vernünftige Stories zu haben. Und dafür fehlt dann das Geld – weil eben die Print-Titel auch keine großartigen Gewinne mehr einfahren (mangels Masse an Abnehmern / Abonnenten)… Mittlerweile – zuletzt am eigenen Leib erlebt – zahlen einige Magazine nicht einmal mehr extra Honorar für ganzseitige Titelfotos.
        Man bekommt als Fotograf, der zu den Rennen reist, Spesen / Ü-Kosten vor Ort hat, 13-16h am Tag vor Ort arbeitet (mit Bilder machen, entwickeln – ja, auch das machen gute Fotografen noch in digitalen Zeiten – beschriften/verschlagworten usw.) am Ende für 20 Bilder, die in einem entsprechenden Magazin abgedruckt werden, 300-600 EUR (je nach Magazin / Auflage – hier in D).
        Eigentlich machen solche Longtime-Stories (egal ob als Fotos + Story oder Film nachher) meist nur noch die Menschen, die es sich leisten können bzw. von der Tätigkeit nicht Leben müssen. Die erkennt man zumeist auch an den neuesten Kameras & sündteuren Objektiven. 😉 Und das halt nur auf den fotografischen Teil bezogen.
        Die Redakteure / Tester / Schreiberlinge haben ja auch damit zu kämpfen, sitzen mehr in Flugzeugen / Autos auf den Wegen zu immer weiter entfernt stattfindenden „Presse-Tests“ als auf den Mopeds.
        Aber vielleicht sehe ich das auch etwas zu pessimistisch, das möchte ich gar nicht ausschließen…
        Nur solche vorgefertigten Renn- oder Testberichte (oder egal was es inhaltlich ist) von Herstellern (wie z.B. zuletzt die PR-Berichte zur neuen HP4 Race von BMW) sind auch einfach Stories wert – ohne das man als Journalist (bis irgendwann im September evtl.) mal ne Chance hat, selber auf dem Ding zu sitzen oder gar Bilder davon zu schießen (und da dürfte es sehr schwer werden, die Werbe- / PR-Fotos von BMW auch nur annähernd zu toppen)… Von der Superlegera gibt es ja letztlich bisher auch nur das offizielle Material von Ducati zu sehen – und die ist schon länger vorgestellt. Aber bisher konnte / durfte die noch kein Journalist selber bewegen (also z.B. in dem Bereich gar keine Chance auf „andere Inhalte“ außer denen, die alle anderen auch als PR-Release erhalten).
        Alles komplex! Ich bin mit meinem Online-Mag auch massiv auf PR-Infos und freie PR-Bilder angewiesen – ohne ginge es gar nicht. Und das ärgert mich eigentlich jetzt schon. Aber wenn ich nur über das berichte, was ich selber besuchen kann, dann gibt es 30-40 Artikel zur IDM und das war es – dann wäre die Intention / Idee hinter dem Mag aber dahin.

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        • Das ist die Zwickmühle, in der sich die Zeitschriften gerade befinden. Entweder sie machen die Presseevents mit, wie alle anderen und können in der kommenden Ausgabe exklusiv, wie alle anderen, über die Probefahrt des neuen Modells berichten, und dafür sind dann drei Manntage mit An- und Abreise zu bezahlen (sogar sechs, wenn noch ein Fotograf für eigene Bilder mitfährt, wenn denn eigenen Bilder gemacht werden dürfen), oder sie haben nichts zu dem neuen Mopped, über das alle anderen berichten.
          Und dann erscheinen die Berichte auf den US-Blogs und Webseiten schon am am Tag der Probefahrt und spätestens am nächsten Tag die Videos auf YouTube und Menschen wie mir reicht das an Info, dafür brauche ich keine Zeitschrift mehr.
          Einen Blog oder Online Magazin ohne Bezahlschranke (und auch Gratis-Heften) werde ich niemals vorwerfen, PR-Content zu nutzen oder Werksfotos.

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  2. Irgendwann weiss man ja auch alles über Motorräder 😉
    Ich lese Print nach Interesse-also z.Zt. Fernreisen und da ich das am liebsten auf dem Klo mache, ist eine Zeitung auch das beste Medium. Alternativ finde ich natürlich dafür auch das Kradblatt sehr geeignet, das ist „lokaler“ und nicht ganz so indutriegesteuert.

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  3. Das is‘ jetzt irgendwie blöd – ich dachte die ganze Zeit beim Lesen, ich kann einfach wieder mal ungeniert feixen, wie blöd und steril und unsympathisch der Mainstream der ‚großen‘ deutschsprachigen Moppet-Redaktionen doch ist.
    Dein letzter Absatz hat mir die Lust darauf genommen – Scheiße sowas…

    Wenns blöd kommt, dürfen wir analog bald die genehmen G’schichtln über Moppets aus Bild oder Krone abwägen, wer die noch uninteressanteren Gesamtresümees zieht.

    Wie war doch gleich der Link zu dem MoppetFo, das Du letztens erwähntest, ich hab‘ ihn nicht notiert – das war recht lebendig geschrieben… meine Chronik zu durchsuchen, wär‘ echt mühsam … 😉

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