Hat BMW den Anschluss verpasst?

BMW ist quasi seit der Geburt der G/S Marktführer in Deutschland, jedenfalls fühlt es sich so an. Und auch im Rest von Europa und den Teilen der Welt, in der Moppeds mit dicken Hubräumen zum Vergnügen gefahren werden, gibt es ordentliche Verkäufe.
Jetzt, nach der EICMA, habe ich das Gefühl, als verpasste BMW den Anschluss. Vielleicht irre ich mich auch und BMW macht nur die aktuellen Modeströmungen nicht mit. In zehn oder zwanzig Jahren, wenn ich diesen Beitrag im Internet Archiv finde, werde ich wissen, ob ich richtig lag.

Sport

2018 fühlt sich ein wenig nach der Rückkehr der Sportmoppeds an, jene lange totgesagte Klasse von, selbst nach Moppedmaßstäben, im Alltag übermäßig unpraktischer Fahrzeuge. BMW bringt die neue S1000RR, also ist alles gut, oder?

Hubraum

MV Agusta hat schon vor vielen Jahren die 1.000 Kubik-Latte  mit der F4 Version CC (2006) gerissen, um auf der Straße besser zu sein als die anderen. Aprilia traute sich 1.100 Kubik bei der Tuono, aber beim Sportmodell noch nicht. Ducati zeigte dem Superbike Regelwerk letztes Jahr einen großen Finger und brachte die V4 Straßen-Panigale bei der Weltpremiere mit viel Tamtam und 1.104 ccm. Von der V2 Panigale mit dem für die WSBK zu großen 1.300er Motor wusste man in Bologna, dass dem Kunden die Regeln egal sind. Dieses Jahr zieht Aprilia nach, die neue RSV4 Factory bekommt 1.078 ccm für die Straße. Dort zählen eben doch andere Qualitäten als auf der Rennstrecke. Nicht zu vergessen: 10% mehr Hubraum ermöglichen auch 10% mehr Leistung.
Bei BMW bleibt man beim Liter.
Kurzer Einschub wegen Vollständigkeit: Kawasaki hat es vor vielen Moppedgenerationen bei den 600ern gemacht und sie für Straßenkunden mit 636 ccm angeboten. MV verkauft die 675er Supersportsmaschine auch mit viel praktischerem 800er Motor, aber in dieser Klasse mischt BMW nicht mit.

Flügel

Die WSBK-Homologations-Duc kam jetzt, natürlich mit 1.000 Kubik, wie im Regelwerk vorgeschrieben. Und sie hat Flügel. Seit Jahren sind Flügel an MotoGP-Maschinen zu sehen. Aprilia hat bereits seit einiger Zeit geflügelte Modellvarianten in der Aufpreisliste.
Bei BMW sind sie nicht zu sehen, nicht mal bei den Designstudien der letzten Jahre, falls ich nichts verpasst habe. Flügel stehen auch nicht in der Aufpreisliste, nicht mal zur M-Version, dabei ist BMW der König der Aufpreiselisten.

Offroad-Power

Ja, diese 250+ kg mit 100+ PS aus 1.200+ Kubik sind im schweren Gelände blöd, aber viele der Kunden solcher Maschinen stört das nicht. Denen reicht es zu lesen, dass irgend einer mit so einem Mopped am Äquator, in einer Wüste oder in einem Sumpf war. Dann wissen diese Kunden, sie könnten auch, wenn sie denn wollten.
Und  wenn sie lesen, dass irgendjemand mit so einem Hobel auf der Landstraße ein Superbike überholt hat, dann wissen sie, das könnten sie auch, wenn sie wollten. Ja, lesen, ich denke nicht, dass diese Kundengruppe Videos im Netz guckt.
Aber die Kundschaft scheint sich zu teilen. Die Superbikeüberholer wollen jetzt 150+ PS, die hat auch die neue GS nicht (und der Vierzylinder wird nicht als echtes SUV wahrgenommen).

Offroad-Performance

Die Geländefahrer wollen jetzt aber bessere Offroad-Eigenschaften, Landstraßen-Superbikes interessieren diese Kunden nicht. Deren nächste Lese-Eskalationsstufe ist vermutlich Enduros auf der Crossstrecke überspringen zu können, wenn sie denn wollten.
KTM bringt die 790 Adventure sogar mit Extra R und Yamaha verspricht die 700er Ténéré. Das sind Moppeds für Wege ohne Asphalt.
BMW dagegen fettet die 800er an und verbessert vor allem deren Straßeneigenschaften.
Touratech hatte auf der Romaniacs gezeigt, dass mit überschaubar wenig Aufwand aus der 9T ein echter Offroader werden kann. Aus München kam aber schon vorher die Ansage, dass es keine neuen 9T Versionen mehr geben würde, die Pseudo-Offroader Scrambler und Urban GS müssen reichen.
Triumph bringt mit der Scrambler XE sogar einen Neo-Klassiker für echtes Gelände. Vermutlich, weil die eigentlich dafür vorgesehne XcX 800er für die Leser einen Zylinder zu viel und zu kleine Stollen hat oder einfach nur zu straßig aussieht und die Street Scrambler sogar Straße im Namen führt.

Schluss

Wie bereits oben gesagt, ob die Trends: Hubraum, Flügel, PS und Gelände sich wirklich auf echte Verkaufszahlen auswirken, wird erst die Zukunft zeigen. Moppedkunden kaufen sowieso nicht mit dem Hirn für ihren tatsächlichen Bedarf, sondern aus vielen anderen Gründen. Sonst würden in der Stadt fast nur noch NCs fahren, auf der Landstraße nur Street Triples, die rechte Spur auf der Autobahnen wäre voller Gold Wings und links würden nur Hayabusas fliegen. Das wäre wirklich sehr langweilig.
Ja, da steht keine #Hippe in der Liste, denn auch ich bin ein Moppedkunde.

P.S.
Wo ich gerade auf BMW einhaue: Gibt es dieses Jahr eigentlich den BMW Boxer Cup? Oder müssen Freunde der luftgekühlten Zweizylinder-Rennen auf die neue Moto Guzzi Fast Endurance Trophy [englisch] ausweichen?

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5 Gedanken zu „Hat BMW den Anschluss verpasst?

  1. Das folgende Gespräch gab es bei Facebook:
    Stephan Müller
    Nun, auch GS Fahrer haben eine YouTube Aboliste 😉 und bewegen ihr Trumm im Gelände und lassen es sogar fliegen, geht alles. Ich vermute mal BMW sind die Trends eher egal, weil die Teile verkaufen sich ja wie geschnitten Brot, also wozu Flügel an eine XR machen, wenn man einen Schnabel an der GS hat (was wurde gelästert, als Suzuki mit der Big den Schnabel einführte – war ein geiles Moped). Vielleicht sind Flügel und anderes Bling ja auch der Versuch der anderen Hersteller sich von BMW abzusetzen? Und warum sollten alle den gleichen Trends folgen? 🤔

    griesgram999

    Die Flügel haben zumindest auf der Rennstrecke eine Funktion. Bei den Superbikes muss die Verkleidung so aussehen, wie am Serienmopped, von daher kann es da sinnvll sein, Flügel zu haben.
    Einige der 1% Gelände-Boxer habe ich sogar schon live gesehen, nicht nur bei YouTube. Die machen die GS aber nicht zum meistgekauften Mopped, das sind die anderen 99%.
    Das im Gelände sind normalerweise keine Adventure-Modelle, weil auch die GS-Fahrer wissen, dass weniger Gewicht besser ist und gerade die Geländefahrer würden vermutlich gerne eine noch leichtere Version haben.

    Stephan Müller
    Es sind immer die 99% anderen, die die Masse kaufen um etwas vom „Advendture-Feeling“ vorm Starbucks zu verbreiten (haben die eigentlich Motorradparkplätze? IKEA hat jedenfalls keine 🤔). So wie es wahrscheinlich auch die anderen sind, die…Mehr anzeigen

    griesgram999
    Die Märkte ändern sich. Ich kann das, weil ich kein Marktforscher bin, nur an den Moppeds festmachen, die angeboten werden. Und da geht es meiner Meinung nach jetzt wieder mehr in Richtung „echtes Geländemopped“, ganz egal wohin damit gefahren wird. Es nutzt halt nichts, wenn man das beste Mopped hat, man das Mopped haben, das am meisten gekauft wird.

    Und ganz eigentlich hätte ich solche Diskussionen lieber auf meinem Blog als hier, wo sie in 2 Jahren keiner mehr findet. ;-)

    Stephan Müller
    griesgram999, machst Du Copy-Paste 😉
    So sehr ich Dir folge, ich vermute das „richtige“ Geländemopped, also hochbeinig, lange Intervalle, einfach zu warten, gepäckfähig, ist doch nur für den kleineren Teil der Mopedfahrer interessant, siehe die 99% Anderen 😉 Schön wäre es schon, meine Husaberg mit 16 l Sprit und mehr Zuladung als mich selber mit Rucksack zu haben 😉

    griesgram999

    Ich gehe auch davon aus, dass die Moppeds meistens nur 1.000 Kilometer im Jahr zum Mopped-Treff und zur Eisdiele bewegt werden. Aber welche, das ist halt die Frage.

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  2. Ich klaue mal ganz frech den Spruch »powered by emotion«. Damit wirbt aktuell ein TV-Sender, aber das macht ja nichts. Denn wäre er nicht auf die Idee gekommen hätte das bestimmt irgendwer aus der KFZ-Branche für seine Produkte entdeckt. »Angetrieben von Emotionen« oder »Kraft durch Freude«… Halt. Stopp. Falsch abgebogen. Zurück aber schnell. ;)

    »Angetrieben von Emotionen« – das sind die Erstkäufer. Die Zweitkäufer sind »Limitiert durch den Geldbeutel«. »Limited by purse« klingt aber doof, trifft aber den Nagel auf den Kopf. Vielleicht versuchen manche Hersteller jetzt ihre ohnehin teuren Produkte nicht noch hochpreisiger zu machen. Da spart man sich dann Designexperimente welche bei der anvisierten, liquiden Käuferschicht gar nicht ankommen könnten. Oder man hat das vorab schon überprüft: »Wie reagiert die kauffreudige Generation Generation 40+ auf Flügel am Motorrad?«. Ich weiß es nicht.

    Zurück zu BMW: Innovation wird primär durch technische Raffinesse dem Kunden nahe gebracht. Alltagstauglichkeit? Kommt auf den Alltag an. So nehme ich das jedenfalls wahr, schaue aber ehrlich gesagt auch nicht alles an was so Neuigkeiten sind sondern schaue bei 2-10 Jahre alten Modellen die Liste der Rückrufe und das Wehklagen in den Foren an wenn jemand nach Ende der Garantiezeit mal selbst schrauben wollte.

    Wo BMW deutlich den Modeströmungen folgt: Retrowelle. Wäre schön wenn das auch bei der Technik irgendwie mal greifen würde. Daher sollten sich die Käufer zusammentun und ihren eigenen Werbeslogan propagieren: »Keep it simple, stupid«. :)

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