Lane Splitting und die Rettungsgasse

Auf deutschen Autobahnen wird nicht nur das Rechtsfahrgebot der StVO ignoriert, sondern fast immer auch die Bildung der Rettungsgasse. Während dauerndes links fahren in erster Linie nur nervig ist, kann die nicht vorhandene Rettungsgasse Leben kosten. Kein Spaß.

Im Stau stehen

Als ich letztens auf die Autobahn in den Stau auffuhr, wollte ich schon mit dem Lane Splitting anfangen, als der beifahrende Herr Wachtmeister ein paar Autos weiter vorne schon den Zeigefinger in meine Richtung erhob und warnend damit wackelte. Na toll. Da stehe ich nun im Stau auf der Bahn und die Polizei hat nicht besseres zu tun, als mir die Durchfahrt zu verwehren. Sie hätten auch die nicht vorhandene Rettungsgasse öffnen können. Einfach mal die Fackeln anmachen und die Autos zur Bildung einer Rettungsgasse (zur Erinnerung, die Gasse muss immer gebildet werden, nicht erst wenn die Polizei mit Hump-Tata und Blinki-Blink im Kofferraum steht) auffordern und dann dort durchfahren, wäre eine Alternative gewesen. Das fände ich pädagogisch viel sinnvoller als kurz vor den Sommerferien-Staus ein paar neue Plakate aufzuhängen. Besonders wenn die Polizei regelmäßig durch den Stau fährt und die Autos an die Rettungsgasse erinnert, könnte es passieren, dass die Rettungsgasse irgendwann immer und automatisch gebildet wird.

Der Zweirädrige Freund vom Freund und Helfer

Ich gehe noch einen Schritt weiter. Wenn die Moppeds auf der Autobahn die Rettungsgasse mitbenutzen dürften (Achtung: Gesetzesänderung erforderlich), dann gäbe es gleich ein paar hunderttausende Freiwillige, die die PKW daran erinnern, dass sie eine Rettungsgasse bilden müssen. Immer und immer wieder.

Um das Ganze mit einer Anekdote zu belegen: Kurz nachdem der Stau mit der Polizei vorbei war, kam der nächste Stau und dieses Mal habe ich die Rettungsgasse genutzt um Meter zu machen. Einige Autos haben mich kommen gesehen und Platz gemacht. Viele, so hat ein regelmäßiger Blick in die Rückspiegel gezeigt, haben hinter mir die Rettungsgasse offen gelassen.
Und noch eine Anekdote: Ein paar Tage später, wieder im Stau, konnte ich durch eine bereits existierende Rettungsgasse fahren. Die wurde nicht etwa von Einsatzfahrzeugen irgendeiner Art gebildet, sondern von drei Moppeds, die weiter vorne die mittlere der beiden Spuren benutzt haben.

Verboten und Gefährlich

Hier bei uns ist es verboten und damit ist jede Diskussion in Deutschland immer beendet. Ab dem Zeitpunkt zählen keine Argumente, weshalb ich wenig Hoffnungen habe, dass sich etwas ändert, schreibe aber trotzdem weiter.
Vorsichtig zwischen den Fahrspuren durchfahren ist nach meiner Erfahrung nicht gefährlich. Als Moppedfahrer bin ich es gewohnt, für alle anderen mitzudenken und gehe davon aus, dass ich übersehen werde. Was das Lane Splitting gefährlich macht, sind unaufmerksame Autoinsassen, die einfach mal die Tür aufreißen, während sie im Stau stehen. Das passiert auch der Polizei und dem Krankenwagen, wenn sie mit Blaulicht fahren. Vielleicht hilft es, wenn die Moppeds legal durchfahren dürfen und die PKW darüber informiert werden, dass Autofahrer erst gucken …
Noch schlimmer und gefährlicher sind die Oberlehrer-Aushilfs-Sheriffs, die die Rettungsgasse dicht machen, wenn Sie ein Mopped im Spiegel sehen. Die machen das auch bei den Abschleppwagen, die ebenfalls durch die Rettungsgasse fahren dürfen, was die Deppen aber nicht wissen. Am Ende kommt der Abschlepper später dort an, wo er den Stau auflösen kann und alle müssen länger warten, bloß weil der Oberlehrer ein Depp ist. Wenn Moppeds legal durch die Rettungsgasse dürfen, und der Oberlehrer das weiß, dann macht er vielleicht den Moppeds Platz. Davon hat der Abschlepper und der Rest des Staus nichts, aber irgendwas ist ja immer.

California über alles

In Kalifornien ist das Durchschlängeln durch den Stau seit kurzem erlaubt und weitere US-Staaten diskutieren darüber. Hier ist es kein Thema, soweit ich es mitkriege. Falls es irgendwo eine Legalize it-Kampagne gibt oder eine Rider Right-Gruppe darüber informiert oder diskutiert, stellt die Links bitte als Kommentar ein. Eine vereinzelte Petition ohne Unterstützung von Medien, Verbänden und Industrie ist wohl nur Zeitverschwendung.

P.S.
Autofahrer verlieren nichts, wenn Moppeds nicht im Stau stehen. Wenn sogar ein paar Autofahrer aufs Mopped umseigen gewinnen sogar diejenigen, wie im Auto sitzen bleiben, um nochmal an die belgische Studie von 2012 [PDF englisch] zu erinnern, in der belegt wird, dass 10% Umsteiger aufs Mopped 40% weniger Stau bedeuten.

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Filtering, Streckensperrung und Terrorismus

Filtering ist vornehm für durchschlängeln

Im englischen Sprachraum gibt es für das Durchschlägeln durch den Stau, die mittlere von zwei Spuren und das vorne an der Ampel anstellen zwei Ausdrücke: Lanesplitting und Filtering.
Ich finde Filtering schöner und werde es von jetzt an auch bei uns benutzen.

Total verboten

In Deutschland glauben wir ja gerne, dass alles verboten ist, wo kein Schild “Das darfst Du” dran steht. Ganz so ist es nicht, aber unsere StVO erlaubt das Filtern nicht. In anderen Ländern sieht es anders aus, da ist es manchmal unter bestimmten Voraussetzungen (maximale Geschwindigkeit, Warnblinker an o.ä.) erlaubt oder einfach auch nur gängige Praxis.

Kalifornien

In Kalifornien ist Filtering seit einiger Zeit erlaubt und es gibt erste Erfahrungen, die Motorcycle.com [englisch] zusammenfasst. Dort wird eine SafeTREC Studie [englisch] zitiert, aber nicht verlinkt. Ich habe mich nicht durch alle veröffentlichten Studien gelesen, wie es ein guter Journalist getan hätte. Demnach zitiere und übersetze ich hier nur die Sekundärquelle, die sagt:

Durch Filtering bei unter 50 mph (80 km/h) und mit einer maximalen Differenzgeschwindigkeit von 15 mph (25 km/h) ist die Anzahl der getöteten und verletzten Moppedfahrer um 1,8% zurückgegangen. Die Anzahl der Auffahrunfällen ist um 2% reduziert worden.

Dabei ist zu beachten, dass nicht alle Moppeds filterten, sondern nur 36,4%, also etwas mehr als ein Drittel.

Streckensperrungen

Nun könnte man daraus die Lehre ziehen, dass Filtering Leben rettet und Unfälle verhindert. Demnach wäre es gut, wenn die StVO entsprechend angepasst würde, wenn es Moppeds z.B. auf Autobahnen erlaubt würde die Rettungsgasse zu befahren, solange sie dabei nicht schneller als 80 km/h und 25 km/h schneller als der zu überholende Verkehr fahren. Aber das ist nicht der deutsche Weg.

Stattdessen versucht man bei uns das Leben von Moppedfahrern mit Streckensperrungen [Karte] (Unfallzahlen von Moppeds sind mit die häufigste Begründung dafür) zu retten. Wenn das nicht so doof wäre, könnten man ja darüber lachen.

Terrorismus

Ich behaupte jetzt mal: Mit einer Legalisierung von Filterung würden mehr Menschenleben gerettet als mit allen gesetzlichen Freiheitseinschränkungen zur Terrorbekämpfung der letzten fünf Jahre.

Ernsthaft jetzt

Ich bin Realist genug um zu wissen, dass sich hier bei uns nichts tun wird. Selbst wenn die EU das vorschreiben würde, würde es bei uns einfach nicht umgesetzt. Hierzulande empfindet man das Gewähren eines Vorteils für eine bestimmte Gruppe als Benachteiligung der anderen, selbst wenn da niemand benachteiligt wird und damit als ungerecht. Und je großgrundlich-Bildzeitungs-etablierter die Klientel derjenigen ist, die von einem Vorteil nicht profitieren, umso lauter wird über die Ungerechtigkeit geklagt. Ihr wisst schon: “50 Jahre habe ich auf meine Luxuslimousine gespart, also muss der Bubi mit seinem Roller auch im Stau warten.” Auf die Idee “Ich hätte mir vor Jahrzehnten auch einen Roller kaufen können und müsste nicht im Stau stehen.” kommt ja keiner.

Filtern auf eigene Gefahr

Je größer der Ballungsraum, umso höher der Anteil der Moppeds, die sich nicht in den Stau einreihen. Ich habe noch nie gesehen, dass ein Polizeifahrzeug im Stau die Sirene anwirft und ein Mopped jagt, dass gerade in der Rettungsgasse vorbeigefahren ist. Das ist natürlich keine Garantie, dass das nicht doch passiert oder dass die Wachtmeister ein kurzes Video drehen und dann einen Brief nach Hause schicken und zur Kasse bitten.